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Stagflation: hohe Inflation bei schwacher Wirtschaft

Bei Stagflation steigen die Preise kräftig, während die Wirtschaft kaum wächst. 2023 kamen in Deutschland zwei dieser Merkmale zusammen. Die Verbraucherpreise stiegen um 5,9 Prozent, die Wirtschaftsleistung sank preisbereinigt um 1,0 Prozent.

Wenn die Preise steigen und die Wirtschaft schrumpft

Deutschland · Jahreswerte 2022–2025 · Veränderung gegenüber dem Vorjahr in Prozent.

Verbraucherpreise (VPI)+2,2 %2025Reales Bruttoinlandsprodukt+0,2 %2025
Wenn die Preise steigen und die Wirtschaft schrumpftDeutschland · Jahreswerte 2022–2025. Veränderung gegenüber dem Vorjahr in Prozent.-2024682022202320242025

Quelle: Destatis, Verbraucherpreisindex und Bruttoinlandsprodukt.

BIP preisbereinigt, ohne Kalenderbereinigung. Die Grafik zeigt zwei Merkmale einer Stagflation. Für eine vollständige Einordnung gehört auch der Arbeitsmarkt dazu.

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2024 stiegen die Preise langsamer, während die Wirtschaftsleistung stagnierte. Für eine vollständige Einordnung zählt auch die Lage am Arbeitsmarkt.

Stagflation setzt sich aus Stagnation und Inflation zusammen. Die Preise steigen kräftig, während die reale Produktion kaum wächst oder schrumpft. In der Definition der Bundesbank gehört auch hohe Arbeitslosigkeit dazu.

Die Aussage unterscheidet sich von einer bloßen Wachstumsabschwächung oder einer einzelnen hohen Preisrate. Ein schwacher Monat in einer Branche reicht ebenso wenig wie eine Verteuerung von Energie allein. Bei der Einordnung müssen Zeitraum, gesamtwirtschaftliche Breite und die Entwicklung des Arbeitsmarkts zusammen betrachtet werden.

Inflation, Rezession und Stagflation auseinanderhalten

Inflation beschreibt den Anstieg des allgemeinen Preisniveaus. Eine Rezession betrifft einen Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität. Die Begriffe messen verschiedene Seiten der Entwicklung. Eine Wirtschaft kann bei steigenden Preisen wachsen, bei geringer Inflation schrumpfen oder bei hoher Inflation stagnieren.

Stagflation benennt die ungünstige Kombination. Im Gegensatz zur Hyperinflation setzt sie keine extremen monatlichen Preissteigerungen voraus. Und sie ist auch nicht das Gegenteil von Inflation: Das wäre im preislichen Sinn die Deflation, also ein anhaltender Rückgang des allgemeinen Preisniveaus.

Wie ein Angebotsschock Preise und Produktion gleichzeitig trifft

Muss ein Betrieb mehr für Energie bezahlen und fällt wegen der Knappheit zugleich ein Teil seiner Produktion aus, treffen ihn höhere Kosten und weniger verkäufliche Ware gleichzeitig. Er kann versuchen, die Kosten über höhere Verkaufspreise weiterzugeben. Ob ihm das gelingt, hängt auch davon ab, was seine Kunden noch bezahlen können. Bei vielen betroffenen Betrieben können so Preisdruck und wirtschaftliche Schwäche zusammenkommen.

Ein solcher Angebotsschock unterscheidet sich von einem reinen Nachfrageboom. Mehr Nachfrage bei unverändertem Angebot kann Preise treiben; hier wird dagegen das Angebot selbst beeinträchtigt. Die tatsächliche Entwicklung hängt auch davon ab, ob Ersatz beschafft, Energie eingespart oder die Produktion angepasst werden kann. Eine einzige Preiszahl enthält diese Informationen nicht.

Warum steigende Euro-Umsätze keine Entwarnung sind

Ein vereinfachtes Betriebsbeispiel: Zunächst werden 100 gleiche Stücke zu je 10 Euro verkauft, also für 1.000 Euro. Später sind es nur 90 Stück zu je 12 Euro. Der Umsatz steigt auf 1.080 Euro, obwohl die verkaufte Menge um 10 Prozent sinkt. Der höhere Geldbetrag beweist daher kein reales Wachstum.

Für das Bruttoinlandsprodukt wird deshalb zwischen nominalen und preisbereinigten Werten unterschieden. Die Preisbereinigung des BIP verwendet dabei die passenden Preisgrundlagen der gesamtwirtschaftlichen Produktion. Der Verbraucherpreisindex ist ein anderes Maß und kann nicht einfach für jede nominale Produktionszahl eingesetzt werden.

Auch der Gewinn lässt sich aus dem höheren Umsatz nicht ablesen. Dafür müssten die zugehörigen Kosten bekannt sein. Sind Material, Energie oder Finanzierung noch stärker gestiegen als die Einnahmen, kann der Gewinn trotz des Umsatzplus kleiner werden. Umsatz, Gewinn und reale Produktionsmenge beantworten jeweils eine eigene Frage.

Angenommenes Beispiel mit gleichen Produkten; kein gemessenes deutsches BIP.
KennzahlVorherNachher
Verkaufte Menge100 Stück90 Stück
Preis je Stück10 €12 €
Umsatz1.000 €1.080 €

Der deutsche Erfahrungshintergrund der 1970er Jahre

Für die Bundesrepublik werden insbesondere die Krisenjahre 1974/75 als Stagflationserfahrung eingeordnet. Das DIW Berlin beschreibt die damalige Verbindung hoher Inflation mit wirtschaftlicher Stagnation. Die Entwicklung stand im Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Umbrüchen und Energiepreisschocks dieser Zeit.

Ein solcher historischer Zusammenhang bedeutet nicht, dass jedes spätere Energieproblem denselben Verlauf nehmen muss. Produktionsstruktur, Verträge, Arbeitsmarkt und wirtschaftspolitische Bedingungen können anders sein. Für historische Statistiken ist außerdem der damalige Gebietsstand zu beachten. Westdeutsche Reihen werden nicht ohne Kennzeichnung mit heutigen Deutschlandwerten verglichen.

Warum Haushalte doppelt unter Druck geraten können

Steigende Preise können den laufenden Lebensunterhalt verteuern, während eine schwache Wirtschaft Arbeitszeit, Einkommen und Beschäftigung belastet. Selbst eine nominale Lohnerhöhung kann dann weniger ausgleichen als erwartet. Maßgeblich bleibt die Entwicklung vergleichbarer Ausgaben und verfügbarer Nettobeträge.

In einem angenommenen Beispiel steigen die erfassten gleichen Monatsausgaben von 2.000 auf 2.100 Euro, also um 5 Prozent. Das Netto bleibt bei 2.500 Euro. Der Restbetrag sinkt von 500 auf 400 Euro. Die Kaufkraft des ganzen unveränderten Nettos gegenüber diesem Warenkorb fällt dagegen um rund 4,76 Prozent. Restbudget und reale Einkommensänderung sind verschiedene Kennzahlen.

Der Zielkonflikt bei Zinsen und Nachfrage

Höhere Zinsen können die Nachfrage dämpfen und damit gegen anhaltenden Preisdruck wirken. Bei bereits schwacher Wirtschaft können dadurch aber auch Investitionen und kreditfinanzierte Anschaffungen weiter zurückgehen. Eine Zinssenkung kann Nachfrage stützen, löst jedoch eine Knappheit von Energie oder Vorprodukten nicht unmittelbar auf.

Ob höhere Zinsen sinnvoll sind, hängt auch davon ab, warum die Preise steigen. Je nach Ursache setzen Maßnahmen an der Nachfrage oder an der Produktion an. Sie können auch besonders belastete Haushalte entlasten. Der Artikel zu Inflation und Zinsen zeigt, wie ein Zinsbeschluss bei Krediten, Einlagen und Kaufkraft ankommt.

Woran eine Aussage über Deutschland zu prüfen ist

Schau für denselben Zeitraum auf die Preise, die preisbereinigte Wirtschaftsleistung und den Arbeitsmarkt. Eine einzelne Monatsrate zur Inflation verrät zum Beispiel wenig darüber, wie sich die Wirtschaft über ein ganzes Jahr entwickelt hat.

Die Inflationsübersicht für Deutschland liefert die preisliche Seite. Sie ist kein vollständiger Konjunkturbericht. Aus einer positiven Rate lässt sich weder eine Stagflation feststellen noch deren Ausmaß beziffern. Auch Prognosen sind getrennt von den bereits gemessenen Werten zu behandeln; sie können sich mit neuen Daten verändern.

Die gesamtwirtschaftliche Lage und der eigene Haushalt

Haushalte sind unterschiedlich betroffen. Ein höherer Anteil an Lebensmittel- oder Energiekosten kann die persönliche Teuerung verstärken. Ob eine schwache Konjunktur das Einkommen verändert, hängt unter anderem von Beschäftigung, Arbeitszeit und den tatsächlich verfügbaren Einnahmen ab.

Für die eigene Rechnung helfen deshalb konkrete Daten statt nur das wirtschaftliche Schlagwort. Im persönlichen Inflationsrechner werden gleiche Ausgaben verglichen; der Gehaltsrechner stellt das dazu passende Netto gegenüber. Beide können eine individuelle Kaufkraftfrage beantworten. Sie diagnostizieren damit keine Stagflation der gesamten deutschen Wirtschaft.

Quellen zum Beitrag