Deflation: Wenn das allgemeine Preisniveau sinkt
Bei einer Deflation sinken die Preise auf breiter Front und über längere Zeit. Wenn bloß die Inflationsrate sinkt, kann dein Einkauf weiter teurer werden. Mit einem Einkauf für 100 Euro lässt sich der Unterschied zeigen.
Sinkende Inflation oder sinkende Preise?
Rechenbeispiel · Startpreis 100 € · Preisänderung seit dem Start in Prozent.
Eigenes Rechenbeispiel mit festen Mengen.
Im ersten Jahr steigen die Preise in beiden Fällen um 5 %. Im zweiten Jahr steigen sie um 2 % oder fallen um 2 %.
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Im zweiten Jahr entscheidet sich der Unterschied. Bei 2 Prozent Inflation kostet der Einkauf 107,10 Euro. Fallen die Preise im zweiten Jahr um 2 Prozent, kostet er 102,90 Euro.
Bei Inflation steigt das durchschnittliche Preisniveau, bei Deflation sinkt es über längere Zeit. Gemessen wird die Entwicklung vieler Waren und Dienstleistungen. Dass ein Fernseher günstiger wird oder der Benzinpreis an einem Tag fällt, reicht für die Einordnung der gesamten Wirtschaft nicht aus.
Die Preise können gegenüber dem letzten Monat sinken und zugleich höher liegen als vor einem Jahr. Ob in Deutschland eine Deflation herrscht, hängt davon ab, wie viele Preise sinken und wie lange der Rückgang anhält. In den deutschen Inflationsdaten kannst du beide Vergleiche nachschlagen.
Sinkende Inflation ist etwas anderes als Deflation
Ein Warenkorb für 100 Euro kostet nach 5 Prozent Inflation 105 Euro. Steigen die Preise im Jahr darauf um 2 Prozent, kostet er 107,10 Euro. Die Teuerung lässt nach, obwohl die Preise weiter steigen. Das heißt Disinflation.
Bei einem Preisrückgang um 2 Prozent würde derselbe Warenkorb von 105 auf 102,90 Euro fallen. Von Deflation spricht man, wenn ein solcher Rückgang das allgemeine Preisniveau betrifft und länger anhält. Wie beides zusammenhängt, erklärt der Überblick Was ist Inflation?.
Wie stark die Kaufkraft bei fallenden Preisen steigt
Sinkt das Preisniveau um 2 Prozent, kostet ein vorheriger 1.000-Euro-Warenkorb noch 980 Euro. Ein unveränderter Geldbetrag von 1.000 Euro reicht damit für mehr als den bisherigen Warenkorb. Zu Anfangspreisen entspricht seine Kaufkraft 1.000 / 0,98 = rund 1.020,41 Euro.
Der Kaufkraftgewinn beträgt ungefähr 2,04 Prozent und nicht genau 2 Prozent. Preisänderung und Kaufkraftänderung verwenden unterschiedliche Ausgangsgrößen. Mit dem Inflations- und Kaufkraftrechner lässt sich ein Zeitraum mit fallendem Index genauso berechnen wie einer mit steigenden Preisen. Entscheidend sind passende Indexstände, nicht das Vorzeichen der Rate.
Wie eine Deflation entstehen kann
Ein möglicher Ausgangspunkt ist eine breite Schwäche der Nachfrage. Haushalte reduzieren Ausgaben, Unternehmen investieren weniger, Aufträge fehlen. Versuchen viele Anbieter ihre Waren durch Preisnachlässe abzusetzen, kann der Druck über einzelne Branchen hinausgehen. Arbeitsplatzverluste und vorsichtigere Kreditvergabe können den Rückgang verstärken.
Günstigere Preise können auch entstehen, weil Betriebe mit derselben Arbeit mehr herstellen oder Vorleistungen weniger kosten; wachsen dabei Absatz und Einkommen, hat die Verbilligung einen anderen Hintergrund als in einer Nachfragekrise. Die Ursache gehört deshalb zur Einordnung. Ein günstigeres Gerät durch bessere Produktion ist für den Käufer erfreulich. Ein breiter Preisrückgang bei gleichzeitig wegbrechenden Einkommen kann ihn dagegen trotz billigerer Waren ärmer machen.
Was mit einer Deflationsspirale gemeint ist
Wenn Haushalte weniger kaufen, setzen Unternehmen weniger um und ihre Gewinne geraten unter Druck. Kürzen Betriebe daraufhin Investitionen, Arbeitszeit oder Stellen, sinken die Einkommen. Betroffene Haushalte geben noch weniger aus. So kann sich der Rückgang selbst verstärken.
Die Erwartung künftig niedrigerer Preise kann verschiebbare Anschaffungen zusätzlich bremsen. Das bedeutet nicht, dass jeder Einkauf aufgeschoben wird: Lebensmittel oder dringend benötigte Reparaturen bleiben notwendig. Eine Deflationsspirale ist ein möglicher selbstverstärkender Krisenverlauf, keine automatische Folge jedes günstigeren Preises.
Warum feste Schulden real schwerer wiegen können
Bei einem fest vereinbarten Kredit ändert ein sinkendes Preisniveau den nominalen Rückzahlungsbetrag nicht. Werden Preise und Einkommen geringer, muss die gleiche Euroforderung aus wirtschaftlich kleineren Einnahmen bedient werden. Bezogen auf den allgemeinen Warenkorb hat die Forderung mehr Kaufkraft.
Ein Haushaltsbeispiel zeigt die Einkommensseite: Bei 1.500 Euro Monatsnetto beansprucht eine feste Zahlung von 300 Euro genau 20 Prozent. Fällt das Netto auf 1.455 Euro, steigt der Anteil auf etwa 20,62 Prozent. Die Zahlung ist nicht gestiegen, die Belastung im Verhältnis zum Einkommen aber schon. Bei unverändertem Einkommen und günstigeren Einkäufen kann die persönliche Lage dagegen anders aussehen.
Deflation in Deutschland: die Krise ab 1929
In der deutschen Wirtschaftsgeschichte steht 1923 für Hyperinflation. Die Krise ab 1929 war von einer anderen Entwicklung geprägt: Preise und Wirtschaftsleistung gingen zurück, während Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Not zunahmen. Die Bundesbank unterscheidet diese beiden Geldkrisen ausdrücklich. Die frühen 1930er Jahre einfach als Fortsetzung der Hyperinflation darzustellen, verwechselt die Richtung der Preisentwicklung.
Sinkende Preise waren damals kein Zeichen allgemeinen Wohlstands. Wer Arbeit und Einkommen verlor, konnte auch günstigere Güter nicht ohne Weiteres bezahlen. Der historische Fall zeigt, warum die Frage nach Deflation zugleich eine Frage nach Beschäftigung, Krediten und Einkommen ist. Aus dem Begriff allein folgt allerdings keine Wiederholung dieses Krisenverlaufs.
Nominalzins und Realzins bei Deflation
Für den Realzins werden Zinsfaktor und Preisfaktor ins Verhältnis gesetzt. Bei angenommenen 0 Prozent Verzinsung und minus 2 Prozent Preisänderung ergibt sich 1 / 0,98 − 1 = rund 2,04 Prozent reale Verzinsung. Ein nominal unverändertes Guthaben gewinnt dann gegenüber diesem Preismaßstab an Kaufkraft.
Bei einem angenommenen Nominalzins von 3 Prozent und derselben Preisänderung beträgt der Realzins sogar rund 5,10 Prozent: 1,03 / 0,98 − 1. Solche Rechenbeispiele beschreiben keine heutigen Angebote und keine Empfehlung. Der Realzinsrechner trennt den Kontostand vom inflationsbereinigten Wert; der Zusammenhang von Inflation und Zinsen erklärt die wirtschaftliche Wirkung.
Was Geldpolitik gegen Deflationsdruck bewirken kann
Niedrigere Leitzinsen können Finanzierungen verbilligen und Ausgaben sowie Investitionen unterstützen. Die Übertragung auf die Wirtschaft dauert und hängt auch davon ab, ob Unternehmen und Haushalte überhaupt zusätzliche Kredite aufnehmen wollen. Bei sehr niedrigen Zinsen wird der Spielraum gewöhnlicher Zinssenkungen kleiner.
Ob niedrigere Zinsen helfen, hängt auch davon ab, ob Banken Kredite vergeben können und wie Haushalte und Unternehmen die Wirtschaftslage einschätzen. Ein einzelner Zinsschritt kann eine Deflationskrise darum nicht sicher beenden. Um die Lage einzuordnen, prüfe zuerst, ob die Preise breit und über längere Zeit sinken.
Was für den eigenen Haushalt zu vergleichen ist
Eine allgemeine Preisentwicklung kann vom eigenen Warenkorb abweichen. Wer eine unveränderte Miete zahlt, merkt einen Rückgang anderer Preise anders als jemand mit sinkenden Wohnkosten. Auch eine geringere Stromrechnung kann von verändertem Verbrauch statt von einem niedrigeren Preis kommen.
Für die persönliche Kaufkraft gehören deshalb vergleichbare Mengen und Leistungen sowie das tatsächlich verfügbare Einkommen zusammen. Der persönliche Inflationsrechner kann auch einen günstigeren Warenkorb abbilden. Mit dem Gehaltsvergleich lässt sich anschließend prüfen, ob die Einkommen dieselbe Kaufkraft behalten. Der verbleibende Kontobetrag und die reale Kaufkraft bleiben dabei zwei verschiedene Größen.
Quellen zum Beitrag
- Deutsche Bundesbank: Fragen und Antworten zu Inflation und Deflation
- Deutsche Bundesbank: Der Wert stabilen Geldes
- Deutsche Bundesbank: Deflationsgefahren und produktivitätsbedingte Preisrückgänge
- Europäische Zentralbank: Niedriginflation, Deflation und reale Verschuldung
- Destatis: Verbraucherpreisindex und Inflationsrate
- Deutsche Bundesbank: Geldordnungen und Stabilitätspolitik im 20. und 21. Jahrhundert